Bewegungsspaß anstatt Normturnen

publiziert in sb 1/2018

Standard-Sporthalle erfährt individuelle Progammierung und Multifunktionalität

Autor: Harald Fux, Sportarchitektur Raumkunst ZT GmbH, www.sportarchitektur.at

Beim Neubau von Sporthallen wird oft auf bewährte Konzepte zurückgegriffen, dies geschieht häufig aus Kosten- und Termindruck. Ist es noch zeitgemäß, Normturnhallen zu bauen? Harald Fux, Geschäftsführer der Raumkunst Sportarchitektur ZT GmbH und Leiter der IAKS Expertenrunde ‚Sporthallen‘ plädiert für eine nutzerorientierte Ausrichtung der Sporthallenkonzepte.

Als mich kürzlich ein Kollege, der mit der Wettbewerbsplanung für eine neue Schule in Wien befasst war, anrief und fragte, was ich von einer Normturnhalle mit einer Rundung statt einer Ecke hielte, verneinte ich dieses Ansinnen unter dem Hinweis auf die Einhaltung von Normspielfeldgrößen, Sicherheitsabständen und der obligaten Einhaltung von Planungsnormen.

Ich habe mir meine spontane Antwort später noch einmal überlegt und geriet mehr und mehr ins Nach­denken:
Den demografischen Ausblicken folgend wird Wien bis spätestens 2020 zur 2-Millionen-Metropole angewachsen sein. Der Zuzug der Bevölkerung in die urbanen Zentren und die damit einhergehende Suburbanisierung des Stadtumlandes sind Phänomene, die in vielen Städten in ähnlicher Art beobachtet werden können und die Kommunen auf einige Herausforderungen insbesondere in der Daseinsvorsorge stellen.

Im konkreten Fall von Wien lässt sich weiter feststellen, dass die Alterstangente (zumindest kurzfristig) abflacht, das heißt dass sich durch die zuziehenden jungen Familien der Trend der überalternden Bevölkerung weniger stark auswirkt als die Notwendigkeit, Kindergärten, Schulen und letztendlich Sportstätten für die junge Bevölkerung zu schaffen. Neben der Behebung des Sanierungsstaus der bereits bestehenden, in die Jahre gekommenen Schulen und Sportstätten steht die öffentliche Verwaltung zunehmend vor der Herausforderung, rasch neue Anlagen zu errichten.

Die steigende Anzahl von Kindern und Jugendlichen im Pflichtschulalter bringt einerseits eine rasante Entwicklung von neuen pädagogischen und räumlichen Konzepten, insbesondere Bildungs- und Aufenthaltsräume betreffend, birgt allerdings auch die durch Kosten- und Termindruck begründete Tendenz der Beibehaltung der  gewohnten, dem Anschein nach „bewährten“ Konzepte sowohl für die Bildungseinrichtungen selbst als auch für deren Sportstätten. Derzeit wird augenscheinlich nach einer großen Zahl von mitunter teilbaren Normturnhallen gerufen, ohne deren konkrete sportfunktionale Konzepte, Treffsicherheit und Nachhaltigkeit genauer zu hinterfragen.

Betriebs- und Nutzungskonzepte

Längst sind alle am Planungs- und Realisierungsprozess Beteiligte angehalten, wo immer möglich das betriebliche Konzept der Schulsportstätte sowohl auf die schulische Hauptnutzung als auch auf die außerschulische Nutzung durch Sportvereine und organisierte Gruppen auszulegen. Externe, vom Schulgebäude unabhängige Eingänge werden eingerichtet, Geräteräume allenfalls abgeteilt, Garderoben, Duschen und Nebenräume auch auf Erwachsene ausgerichtet und so eine intensive Nutzung der teuren Infrastruktur gewährleistet.
Aber wie verhält es sich eigentlich mit dem Raum- und Funktionsprogramm sowie dem Standard-Ausstattungsprogramm der Sporthalle? Wird es den Anforderungen der heutigen und künftigen SchülerInnen und Erwachsenen gerecht?

Normturnhallen und sportfunktionale Treffsicherheit

PlanerInnen und ArchitektInnen der neuen Sporthallen werden Funktionsprogramme, Raumbücher und Planungsnormen an die Hand gegeben, die einzuhalten sind, deren Inhalte aber aus vergangenen Zeiten der Grundversorgung stammen und einen veralteten Zugang zu Bewegung und Sport abbilden, wohl veralteten Lehrplänen folgend.

Die Normierung der Sporthallen, insbesondere für den Schulsport, wurde durch viele Länder vorgenommen und das ist grundsätzlich gut so. Die grundlegende Sicherung der schutz- und sportfunktionellen Qualitäten sowohl in der Planung als auch in der Ausführung von Sportstätten sind wichtige Säulen jeder Sportstättenentwicklung, insbesondere in der Erfüllung der nationalen Sport(stätten)entwicklungspläne. Die Normierung und Standardisierung der Ausstattung der gebauten Infrastruktur geht weitgehend von geregelten, zumindest bekannten und anerkannten Sportarten aus, was sich angesichts der angesprochenen gesellschaftlichen Veränderungen jedoch als zunehmend weniger treffsicher herausstellt.

Wie auch eine hochkarätig besetzte Arbeitsgruppe der IAKS im Papier „Zukunftstrends 2020 für Sport- und Freizeitanlagen“ anführt, bringt die Individualisierung der Gesellschaft viele neue Sportarten hervor und löst andere Sportarten damit ab oder schwächt deren Bedeutung zumindest ab. Die Herausforderung, vor der Pädagogen wie auch die Betreiber kommerzieller Sportstätten zunehmend stehen, ist die Veränderung des sportlichen Verhaltens und der individuellen Ambition und Nutzungsschwelle des einzelnen Mitglieds der Bevölkerung. Nicht jede Schülerin und jeder Schüler hat die gleichen Voraussetzungen oder auch Interessen für die sportliche Betätigung. Sportarten mit Life-Style Komponenten sowie die „sanfte körperliche Aktivität“ bekommen eine wichtige Bedeutung.  

Die Schule tut gut daran, sich den oben angeführten Trends zu stellen und somit die Grundlage für ein „bewegtes“ Leben der Schüler, auch nach der Pflichtschule, zu schaffen. Dies bedeutet die zwingende Veränderung und Differenzierung der Raum- und Funktionsprogramme für Schulsportstätten und letztendlich die Stärkung der polysportiven Eigenschaften der Sport- und Bewegungsräume, die derzeit, insbesondere in den kommunalen Schulen mit ihren Normturnsälen, nicht gegeben ist.

Individuelle Programmierung und Multifunktionalität

Ein zeitgemäßer Weg ist aus meiner Sicht die individuelle und spezielle Programmierung aller Sportstätten für die neuen Schulen. Eine individuelle Programmierung setzt die Erkundung des derzeitigen Bedarfes sowie die Einschätzung der künftigen Anforderungen voraus. Ein Schritt, der bei einer überwiegenden Anzahl von Projekten offensichtlich nicht gemacht wird, da man sich am Programm der Normturnhalle orientiert. Schulsporthallen stehen ja auch nicht unter wirtschaftlichem Druck im Betrieb. Es fehlt oft der Nutzer oder eine koordinierende Stelle, mit der eine individuelle Sportstättenprogrammierung erarbeitet werden könnte.

Im Falle der Sanierung von Sporthallen gelingt die Anregung, Entwicklung und Umsetzung einer individuellen Programmierung meist leichter, da die Nutzer schon da sowie Defizite und Wünsche konkret vorhanden sind. Ein entsprechender Beteiligungsprozess und Dialog kann hier gute Ergebnisse und nachhaltig zufriedene Nutzer bringen.

Im Falle des Neubaus einer Sporthalle beziehungsweise Sportstätte sollte der Anspruch an die Komplexität des Planungs- und Beteiligungsprozesses aus meiner Sicht höher sein. Die Erkenntnis, dass es nicht für alle Sportarten eine Ein- beziehungsweise Mehrfeld-Sporthalle mit Standard-Geräteausstattung braucht, sollte an erster Stelle der quantitativen räumlichen Diskussion stehen. Erst die genaue Definition, welche Sportarten ausgeübt werden, ausgeübt werden sollen und welche künftig ermöglicht werden sollen, ergibt die entsprechende räumlich quantitative sowie qualitative Grundlage. Die regionale und überregionale Betrachtung des Angebotes und des Bedarfes ergibt neben der konkreten Schüleranzahl Erkenntnisse und Grundlagen über die Anzahl der erforderlichen Hallen und deren Ausstattung wie etwa auch ergänzende Zuschaueranlagen.

Weniger ist Mehr

„Wie sehen individuell programmierte Sportstätten denn dann eigentlich aus ?“, wird man sich nun fragen. In einem Fall kann das die Beschränkung der Funktionalität der Halle sein. Eine Halle mit dem Schwerpunkt „Ballsport“ kann auf die Anordnung von Turn-Geräten verzichten und so eine individuelle Spezialisierung bieten. Die in der Normturnhalle bereits obligate, stets störende Boulderwand ist besser in einem eigenen Raum untergebracht. Dieser benötigt keine 5,50 m Raumhöhe und kann als ständige Einrichtung ohne Umbauzeit benutzt werden. Hier kann ein Teil der durch die Spezialisierung eingesparten finanziellen Mittel eingesetzt werden.

Im Rahmen der Sanierung von drei Schulturnhallen aus den frühen 1980er Jahren in einer Wiener Schule gelang es uns, gemeinsam mit dem Wiener Stadtschulrat, jede Sporthalle unterschiedlich zu programmieren. Eine Halle wurde als Ballspielhalle (Fotos 3 und 4), eine Halle als Universalturn- und Ballspielhalle, die dritte Halle als Funsporthalle entwickelt. In der Funsporthalle, die im Jahr 2018 mit der Sanierung an der Reihe ist, werden ausschließlich dem Fun- und Trendsport gewidmete Geräte eingebaut werden.

In einem anderen Fall kann es die Reduktion und somit die unternormige Ausbildung eines Ballspielfeldes sein, um zusätzlich zur Ballspielnutzung die ständige Einrichtung einer Bewegungslandschaft in der Halle zu ermöglichen. Dies demokratisiert die Nutzung, da nicht jede Schülerin und jeder Schüler seine Kompetenzen im Ballspiel hat und vergrößert mitunter andererseits die mögliche gleichzeitig anwesende Personenanzahl.

Dieses Konzept zeigt eine Sporthalle in Aalborg der Kollegin Maria Keinicke Davidsen von Keingart Space Activators. Die attraktive und differenzierte Bewegungslandschaft setzt Bewegungsanreize für alle Altersgruppen und zeigt eine völlig neuartige, von Freude an Bewegung dominierte Gestaltung. Die bekannte Optik einer Normturnhalle wird aufgehoben (Fotos 1, 5 und 6).

Weitere, sportfunktional erfolgreiche Beispiele, wie das ASKÖ Bewegungszentrum Klagenfurt zeigen, dass die Umsetzung freier Programme zu höchst spannender Architektur führen können (Fotos 9 und 10).

Experimente

Eine Aufgabenstellung mit Studierenden der Fachhochschule Technikum Wien Studienrichtung Sportgerätetechnik, die ich unterrichten darf, zeigt eine noch experimentellere und verstärkt trendsportorientierte Richtung auf: Die Themenstellung für ein Konzept, das die Studierenden für die Sanierung einer Einfeld-Sporthalle mit vorgelagertem Sportplatz erstellen sollten, war bis auf den gegebenen Grundriss komplett frei.

Die durch die Studierenden ausgearbeiteten Entwürfe waren für mich verblüffend und befriedigend zugleich: Von elf Gruppen stellten fünf Gruppen Trendsporthallen, drei Gruppen einen Indoor Bike-Park (teilweise mit Outdoor-Ergänzung) und eine Gruppe eine Freestyle-Halle vor. Drei Gruppen wandten sich der Außenanlage zu und entwarfen einen Beach Park, einen Outdoor Hindernisparcour und eine klassische Außensportanlage.

Die Trendsporthallen, die die Studierenden entwarfen, verfügten über die Komponenten Bouldern, Klettern, Cross Fit, Slack Line, Parkour-Elemente und Trampolin; die Bike Parks über Pump Tracks, Dirt Parcours und eine Mega Ramp mit Air Bag zur Abbremsung vor der Hallenwand. Die Freestyle-Halle sah Skaten, eine BMX-Bahn sowie Freestyle-Ski und Snowboard vor. Die Auswahl der Sportarten reflektiert aus meiner Sicht die tägliche sportliche Welt der Studierenden und war aus deren Sicht weder extrem noch experimentell.

Ausblick

Eine differenzierte, an Trendsportarten orientierte Programmierung von Sportstätten und Sporthallen wird zu einer wachsenden Zahl von nicht normierten Standardsporthallen und Bewegungsräumen führen. Sowohl die Größe und Proportion der Hallen, deren Höhe und Ausbaugrad werden spezialisierter und fokussierter auf die angedachten Sport- und Bewegungsangebote eingehen und über räumliches Potential für die Weiterentwicklung und Reaktion auf spätere, neue Trends verfügen.

Die Möglichkeiten für die qualitätsvolle architektonische Gestaltung im Hinblick auf Belichtung und Qualität der Oberflächen und Materialien werden steigen und einen wesentlichen Beitrag zur Akzeptanz, dem Wohlfühlen und letztlich der Gesundheit der Benutzer führen.

Bilder 1, 5, 6    Tornhøjskolen Aalborg; Fotos: KEINGART (www.keingart.com); Bronzemedaille beim IOC IAKS Award 2015
Bilder 2, 3, 4    Ballsporthalle Wien; Fotos: Raumkunst Sportarchitektur (www.sportarchitektur.at)
Bilder 7, 8        Haslev Sports School; Fotos: KEINGART (www.keingart.com); Teilnehmer am IOC IAKS Award 2017
Bilder 9, 10      ASKÖ Bewegungszentrum Klagenfurt; Fotos: halm.kaschnig.wuehrer architekten (www.halm-kaschnig.at); Teilnehmer am IOC IAKS Award 2009