Das Stadion von Morgen

publiziert in sb 2/2018

Stadionerfahrung neu definiert

 

Autor: Tom Jones, Senior Principal, Populous

 

Die Zeitschrift National Geographic hatte Populous kürzlich gebeten, an einem Artikel über Zukunftstrends in der Stadionarchitektur mitzuwirken und die Elemente vorzustellen, die einen wesentlichen Beitrag zur rasanten Entwicklung dieses Gebäudetyps leisten. Tom Jones, Senior Principial bei Populous, skizziert seine Vision, wie Stadionerfahrung neu definiert werden kann.

Im Zuge von technologischer Entwicklung und demografischem Wandel müssen Architekten auf die Tatsache reagieren, dass die Fans nicht mehr rein passive Zuschauer sind, sondern aktive Teilnehmer des Spieltaggeschehens. Deshalb müssen wir anstelle reiner Sitzplätze in einer Stadionschüssel ein erfahrungszentriertes Konzept entwickeln, damit Live-Veranstaltungen mit anderen Freizeitangeboten konkurrieren können.

 

Architektur ist das Mittel, mit dem wir physischen und digitalen Raum für diese Erfahrungen kreieren und neue Technologien nutzen, um die Stadien in der Ausrichtung von Live-Events und der Optimierung des Fanerlebnisses an Spieltagen zu unterstützen. Stadien müssen zudem zentrale Herausforderungen mit Blick auf Nachhaltigkeit und umweltfreundliches Design erfüllen. Neue Stadien werden zunehmend im Stadtzentrum gebaut und nicht länger auf der grünen Wiese oder an der Peripherie. So können Stadien und Arenen wieder in das städtische Umfeld integriert werden und als Katalysator der Stadterneuerung dienen als Orte, an denen an allen Wochentagen interessante Veranstaltungen und Aktivitäten stattfinden.

Unseres Erachtens werden die folgenden Schlüsselthemen die Gestaltung des Stadions von morgen bestimmen und die Stadionerfahrung neu definieren:

 

Mehrzweckarenen

Aufgrund des mit dem Stadionbau verbundenen erheblichen Investitionsvolumens müssen Betriebszeiten maximiert und Umsätze optimiert werden. Dies bedeutet, dass die Arenen für eine Vielzahl unterschiedlicher Sportarten und Aktivitäten geeignet sein und zusätzliche Attraktionen anbieten müssen, die über die Hauptnutzung hinausgehen. Das neue Stadion von Tottenham Hotspur wurde beispielsweise sowohl für Fußball als auch für American Football für die NFL geplant und ist für beide Sportarten gleichermaßen ausgestattet und geeignet. Ein Konferenz- und Bankettareal dient an Spieltagen als Hospitality-Bereich und kann außerhalb des Spielbetriebs als voll ausgestattetes Konferenzzentrum genutzt werden. Das Konferenzgeschäft wird durch den Bau eines Hotels in unmittelbarer Stadionnähe mit Übernachtungsmöglichkeiten für Spieler und Personal für Sportveranstaltungen sowie Konferenzteilnehmer und Geschäftspartner unterstützt. Zusätzlich werden ein Marktplatz und eine Mikrobrauerei, die über einen neuen öffentlichen Platz erschlossen werden, weitere Aktivitäten außerhalb der Spieltage entstehen lassen.

Autarkes Ökosystem

Aufgrund der Größe von Stadien muss dem mit dem Bau verbundenen Energieaufwand besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Für die Olympischen Spiele in Sydney wurde eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt, mit der der Wasser- und Energieverbrauch während der Spiele mittels Regenwasserrückgewinnung und natürlicher Belüftung gesenkt werden konnte. Diese Idee wurde beim Olympiastadion in London weiterentwickelt, wo wesentliche Teile des Stadions aus recycelten Materialien gebaut wurden. Die Dachfläche eines Stadions bietet enorme Möglichkeiten für die Energiegewinnung. Das Dach der neuen Südtribüne für den Fulham FC wird mit Fotovoltaikelementen ausgestattet, wodurch die Kohlenstoffemissionen der Anlage um 35 Prozent gesenkt werden. Zudem werden eine beeindruckende Dachterrasse und ein Garten mit wunderbarer Aussicht auf den Fluss angelegt. Mittels Fassadenbegrünung wird die flussseitige Fassade vor Sonneneinstrahlung geschützt und attraktiv gestaltet.

 

Digitale Infrastruktur

Einige der größten technologischen Fortschritte stehen im Zusammenhang mit Art und Umfang der digitalen Infrastruktur und der Entwicklung eines digitalen Netzwerks, das eine neue Nutzererfahrung im Stadion sowie im Stadionumfeld ermöglicht. Leistungsstarke Mobil- und WLAN-Netze sorgen für umfassende Konnektivität. Die Fans werden auf diese Weise schon auf dem Weg zum Stadion und beim Aufenthalt in der Anlage vollumfänglich mit digitalen Informationen versorgt. Großflächige LED-Bildschirme kommen immer häufiger an den Außenfassaden und im Innenraum von Stadien zum Einsatz, um die Kommunikation mit den Fans sicherzustellen und Möglichkeiten der Interaktion über digitale Apps und Touchscreens zu gewährleisten. LED-Bildschirme ziehen sich heute auf verschiedenen Stadionebenen um das Spielfeld herum und tragen dazu bei, die Optik und Atmosphäre im Stadium mittels digitaler Anzeigen zu verändern. Die Außenfassaden können mit programmierbarer LED-Beleuchtung und Effekten animiert werden, jeweils perfekt abgestimmt auf das Spielgeschehen in der Stadionschüssel, um ein integriertes visuelles Umfeld zu schaffen.

Interaktives Fanerlebnis

Die Kombination hochmoderner digitaler Technologien mit der zunehmenden Planung von Stadien im Rahmen einer umfassenden Gebäudedatenmodellierung eröffnet eine große Bandbreite neuer Chancen, um die Interaktion der Fans mit der Veranstaltungsstätte über den traditionellen Stadionbesuch hinaus zu erweitern. Tottenham Hotspur wird das Fanerlebnis mithilfe von Virtual und Augmented Reality interaktiv gestalten. Die Vermarktung von Hospitality-Angeboten erfolgt über eine VR-Sales Suite mit interaktiven 3D-Rundgängen und Augmented Reality, über die die Kunden vor dem Ticketkauf einen realistischen Eindruck des neuen Stadions erhalten. Auch die normalen Tickets werden seit kurzem über eine digitale Plattform vertrieben, auf der die Fans jeden Sitzplatz interaktiv in einer 360°-Ansicht auf ihrem Mobiltelefon betrachten können.

 

Das Spielfeld neu denken

Mit unterschiedlichen Spielfeldoberflächen wird ein Stadion für eine breitere Palette an Sport- und Entertainment-Events nutzbar und entwickelt sich zu einer wandlungsfähigen Veranstaltungsstätte. Dieser Ansatz war ein Schlüsselfaktor für Tottenham Hotspur in der Entwicklung eines innovativen mobilen Spielfelds mit Naturrasen für Fußball und Kunstrasen für American Football. Der Bauherr tätigte erhebliche Investitionen in die Modellierung und Prototypenfertigung der vollautomatisierten Spielfeldwannen, um vor Baubeginn zu gewährleisten, dass die dynamische Leistung des Spielfelds und das Verhalten der Fugen zwischen beweglichen Teilen vollständig untersucht und mit der sportlichen Nutzung kompatibel waren. Die mit dem automatisierten System erziel­bare Umrüstdauer war ebenfalls bedeutsam, um bei der Veranstaltungsplanung und Umrüstung von einer Oberfläche auf die andere maximale Flexibilität zu ermöglichen und neue Optionen für Veranstaltungsplaner zu eröffnen.

Automatisierung

Im Zuge der technologischen Revolution in der Gesellschaft kaufen und bezahlen immer mehr Menschen mit ihrem Smartphone. Digitale Apps sind inzwischen Standard, Bargeld spielt eine zunehmend untergeordnete Rolle, da die jüngeren Generationen nicht mehr mit Schecks, Banknoten oder Münzen als Zahlungsmittel aufwachsen. Tottenham Hotspur hat die mutige Entscheidung getroffen, das neue Stadion komplett bargeldlos zu gestalten. Die Fans müssen Essen, Getränke und andere Einkäufe mit einem digitalen Gerät bezahlen. So eröffnen sich Chancen für eine variable Anpassung der kommerziellen Angebote im Stadion während einer Veranstaltung. Die Fans erhalten während ihres Aufenthalts im Stadion Informationen und Angebote, die auf das Spielergebnis oder zukünftige Veranstaltungen zugeschnitten werden können. Die digitale Beschilderung in den Einzelhandels- und Gastronomiezonen kann auch an diese digitale Plattform angebunden werden zwecks Anpassung von Preisen und Angeboten an das kommerzielle Umfeld.

 

Stadionintegration

Einer der großen Fortschritte bei der Planung moderner Stadien ist ihre vollständige Integration in das Stadtgefüge und die Tatsache, dass sie nicht länger als singuläre Baukörper betrachtet werden, die sich nur an Spieltagen mit Leben füllen. Die neue Südtribüne des Fulham FC schließt die Eröffnung einer neuen Flusspromenade entlang der Themse ein, mit der die vom bestehenden Stadion unterbrochene Uferpromenade wieder geschlossen wird. Die gastronomischen Verkaufsstellen der Tribüne werden zur Promenade geöffnet und bedienen Fans und Spaziergänger gleichermaßen. Die Tribüne wird durch neue Wohneinheiten ergänzt, die Hospitality-Lounges werden an Nichtspieltagen als Büro- und Besprechungsräume genutzt.

Transport

Die Bewegung der Zuschauer zu und von einem großen Stadion zählt zu den größten logistischen Herausforderungen bei der Veranstaltungsplanung. Angesichts zunehmend überlasteter Straßen und knappen Parkraums für Anwohner an Spieltagen nehmen Lösungen für den öffentlichen Personenverkehr bei der Gewährleistung einer sicheren und bequemen An- und Abreise eine immer wichtigere Rolle ein. Die Entscheidung für Stratford als Standort des Olympiaparks in London fiel unter anderem aufgrund des gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetzes, das Stratford mit dem Rest der Stadt verbindet. Die problemlose An- und Abreise der Zuschauermassen zum und vom Queen Elizabeth Park bestätigte die Effizienz und Vielfalt dieses öffentlichen Transportnetzes. Durch die Anbindung an lokale, nationale und internationale Verkehrsnetze im öffentlichen Personenverkehr wurde der Ruf des Olympiaparks als erfolgreicher Austragungsort für Großveranstaltungen gefestigt.