Fischt-Olympiastadion in Sotschi

publiziert in sb 5/2018

NACHHALTIG GEPLANT

 

Autoren und Fotos    Damon Lavelle, Direktor, POPULOUS (links), Tom Jones, Leitender Direktor, POPULOUS (rechts)

 

 

Rund 1.630 Kilometer südlich von Moskau auf einer schmalen Landenge zwischen dem Kaukasus und dem Schwarzen Meer beherbergt die russische Stadt Sotschi eine der bisher nachhaltigsten Sportanlagen des Landes, das Fischt-Stadion.

Ursprünglich für die Olympischen Winterspiele 2014 entworfen, war es auch Spielort bei der FIFA Weltmeisterschaft 2018 und wird für Begegnungen des PFC Sotschi und der russischen Nationalmannschaft genutzt. Das weite Areal des Olympischen Parks bietet ganzjährig den Rah­men für eine breite Vielfalt an Kulturfestivals und umfasst Abschnitte der neu entwickelten Rennstrecke des Sotschi Autodroms, mit dem die Formel 1 erstmals seit über hundert Jahren wieder nach Russland geholt werden konnte.

Skalierbarkeit

Von Beginn an war klar, dass für den langfristigen Erfolg des Projekts eine flexible Anpassung der Sitzplatzkapazität des Fischt-Stadions erforderlich sein würde, um den vielfältigen Ansprüchen der Veranstaltungsorganisatoren gerecht zu werden.

Für die Olympischen Winterspiele mussten 35.000 Zuschauer beherbergt werden, 45.000 wiederum im Rahmen der WM-Spiele. Für den Vereinsfußball vor Ort hingegen muss die Kapazität auf 20.000 bis 25.000 Plätze reduziert werden können. Angesichts dieser Rahmenbedingungen entwarfen die Architekten ein innovatives Stadion mit offenen Enden und fest installierten Sitzplätzen auf den Ost- und Westrängen der Stadionschüssel, unterstützt durch Unterränge an beiden Enden mit modularen mobilen Sitzreihen oberhalb.

Diese Pläne wurden 2008 genehmigt, die Bauarbeiten begannen 2010. 2011 allerdings, nachdem die Häfte bereits gebaut war, wurden die ursprünglichen Pläne auf Anfrage von Veranstaltungsorganisatoren revidiert und um ein mobiles Dach ergänzt, das im Rahmen der Eröffnungs- und Abschlussfeiern vor schlechtem Wetter schützen sollte.

Anpassung an eine veränderte Ausgangslage

Diese spät in der Projektphase entstandene Anforderung war eine erhebliche bautechnische Herausforderung. Die Ost- und Westtribüne war mit viel potenzieller Tragkraft geplant worden, doch die Nord- und Südseiten verfügten nicht über das erforderliche Tragwerk für eine derart massive Konstruktion.

Die Lösung bestand im Bau von zwei riesigen Hangars anstelle des ursprünglich für diese Flächen geplanten Unterrangs. Diese sollten für die Dauer der Olympischen Winterspiele installiert und anschließend gemeinsam mit dem Dach wieder abgebaut werden. Doch die Änderungen waren so erfolgreich, dass im Nachgang der Spiele eine Überprüfung dahingehend erfolgte, ob das Fischt-Stadion ein geschlossener Komplex bleiben sollte.

Nach Konsultation mit der FIFA wurde allerdings klar, dass überdachte Stadien nicht die Kriterien für WM-Spiele erfüllten, sodass die temporären Anlagenteile letztlich demontiert und die Bauarbeiten an der Sitzschüssel abgeschlossen wurden.

Im Vorfeld des Turniers wurden die dauerhaften Sitzplätze des Stadions noch um Luxussuiten für Unternehmen ergänzt. Damit verfügt das Fischt-Stadion heute über eine Kapazität von 36.000 Sitzen.

Sotschi in Szene gesetzt

Trotz dieser Veränderungen bleibt das ursprüngliche Planungskonzept erkennbar, betont durch eine Architektursprache, die sich darauf konzentriert, die natürliche Schönheit der Umgebung in Szene zu setzen und zugleich das kulturelle Erbe Russlands zu würdigen.

Dieses Konzept drückt sich vor allem in der Form der Ost- und Westtribünen aus, die sich elegant wie ein Fabergé-Ei öffnen und den Blick auf den Innenraum freigeben. Die Freiflächen an beiden Enden des Stadions erzeugen eine eindrucksvolle visuelle Verbindung vom Meer zum Gebirge. Vom nach außen offenen Podest, das als Verkehrsfläche dient, können die Besucher den Panoramablick auf die umliegende Landschaft genießen.

Die permanente Tribünenüberdachung besteht aus mehrschichtigen ETFE-Folienkissen. Dank der herausragenden Lichtdurchlässigkeit von ETFE absor­biert das Naturrasenspielfeld das für das Rasen­wachs­tum benötigte UV-Licht, und die Zuschauer sind bei jeder Wetterlage geschützt.

Im Stadion funktionieren die Kissen als Linse, bieten eine spielerisch verzerrte Ansicht des Meeres und der Berge und lassen mit dem Licht der Nachmittagssonne bunte Lichtmuster über den gesamten Innenraum tanzen. Von außen sorgt eine auf der äußeren Folienschicht aufgebrachte weiße Farbe für eine Anspielung auf den schneebedeckten Berg, der Namensgeber für das Stadion war. Nachts lassen in die Kissen integrierte LED-Leuchten die Fassade in schillernden Regenbogenfarben erstrahlen.

Untergangssicheres Stadion

Sotschi liegt in einer seismisch aktiven Zone, in der in einigen Bereichen ein Risiko für Erdbeben der Stärke 10 (höchste Stufe) besteht. Schwere Erdbeben haben das Potenzial, ein geologisches Phänomen namens „Liquefaktion“ auszulösen, das auftritt, wenn der Boden seine Form verliert und sich wie eine Flüssigkeit verhält, sodass Gebäude untergehen wie ein sinkendes Schiff auf dem Meer. Im Falle einer solchen Katastrophe würde das Fischt-Stadion dank eines riesigen Bandes, das durch das Fundament läuft und die Ost- und Westtribüne auf Spannung zusammenhält, auf dem nachgebenden Boden treiben und intakt bleiben.