Planen mit Blick auf Inklusion

publiziert in sb 6/2018

Strategien für universelle Sanitärräumen und Umkleiden in kommunalen Sport- und Freizeiteinrichtungen

 

Autor    Darryl Condon, Mitglied der Geschäftsführung von HCMA Architecture + Design, Kanada
Fotos    HCMA Architecture + Design, Ema Peter, Nic Lehoux

 

 

Was hat die Planung von Sanitärräumen und Umkleiden mit sozialer Gerechtigkeit zu tun? Eine ganze Menge. Als Architekten müssen wir die sozialen Auswirkungen aller Aspekte unserer Arbeit berücksichtigen. Universelle Sanitärräume und Umkleiden sind bei der Planung von Sport- und Freizeiteinrichtungen zunehmend entscheidend und ein Element unseres Ansatzes für eine architektonische Planung, die einen Unterschied macht.

Die Gestaltungsnormen für öffentliche Sanitäranlagen sind rund um den Globus erstaunlich unterschiedlich. Gesellschaftliche Normen, kulturelle Werte und historische Gegebenheiten haben die Bereitstellung öffentlicher Sanitäranlagen in verschiedenen Umgebungen beeinflusst. Zudem sind die Planungsnormen in den Ländern und Regionen über die letzten hundert Jahre zumindest aus der Perspektive der Planungslogik relativ statisch geblieben – bei gleichzeitigem Fortschritt im Hinblick auf Technologien und Baustoffe. In jüngerer Vergangenheit ist eine Entwicklung mit Abweichungen von dieser statischen Gebäudeplanung zu beobachten, und wir haben darauf reagiert – als Antwort auf sich schnell verändernde Erwartungen und die zunehmende Würdigung von Vielfalt innerhalb der Gesellschaft. Dieser Artikel befasst sich vor allem mit einem besonderen Aspekt dieses Wandels: eine Entwicklung weg von der traditionellen, geschlechtsspezifisch getrennten Planung von Sanitärräumen hin zu einem integrierteren, universelleren und sozial inklusiveren Modell.

Die Gründe für diesen Wandel sind äußerst vielfältig. „Diversity“ ist hier das Schlagwort: Vielfalt wird gemeinhin stärker anerkannt und akzeptiert, egal ob in Bezug auf Kultur, Sexualität, Geschlecht oder unterschiedliche Fähigkeiten. Zudem zwingen uns neue demografische Rahmenbedingungen, unsere Ansätze im Hinblick auf Vielfalt zu überdenken und beispielsweise die sich verändernden Bedarfe einer alternden Bevölkerung und damit einer Gesellschaft zu berücksichtigen, in der Betreuer und ältere Personen unterschiedlichen Geschlechts zunehmend barrierefreie Einrichtungen benötigen werden. Als Reaktion darauf legen wir unsere Anlagen zunehmend für eine breitere Palette von multifunktionalen, freizeitbezogenen und altersinklusiven Nutzungsarten aus. Aufgrund der globalen Mobilität in ihren verschiedenen Formen erwarten die Nutzer Einrichtungen, die sehr unterschiedliche Anforderungen an Komfort, Privatsphäre und akustische Trennung erfüllen. In einigen Ländern wie Kanada führt ein zunehmendes Engagement für Inklusion und Menschenrechte dazu, dass wir unsere Anlagen auf der Grundlage eines komplexeren Verständnisses von Gender-Vielfalt überdenken müssen.

Zudem wächst das Bewusstsein dafür, dass sich viele Menschen bei der Nutzung herkömmlicher geschlechtsspezifischer Sanitärräume und Umkleiden unwohl und unsicher fühlen. Privatsphäre und Barrierefreiheit sind in solchen Sanitäranlagen und Umkleiden häufig Mangelware – und dies beklagen viele Nutzer, einschließlich derer, die persönliche gesundheitliche oder mobilitätsbezogene Einschränkungen haben, sowie Transgender oder im Prozess der Geschlechtsumwandlung befindliche Personen, aber auch Menschen, die Unterstützung von einer Person anderen Geschlechts brauchen, etwa Kinder und ältere Menschen.

Welche Gründe im konkreten Kontext auch im Vordergrund stehen mögen, universelle Sanitärräume und Umkleiden sind ein wesentliches Element, um sicherzustellen, dass unsere Anlagen für möglichst viele Nutzer sicher und barrierefrei sind. Gleichzeitig erwarten diese eine größere Vielfalt an angebotenen Leistungen und Diensten.

Als Reaktion darauf überdenken viele Architekten und Gebäudebetreiber die Konfiguration von Sanitär- und Umkleidebereichen, was sich sowohl auf herkömmliche geschlechtsspezifische (also nach Männern und Frauen getrennte) Bereiche als auch auf neue universelle Modelle auswirkt. Diese planerische Evolution ist Teil einer Phase des Wandels, in der die normative Geschlechtertrennung – Spiegel einer komplexen Historie von Zugang und Zugangshindernissen in öffentlichen Räumen – weiterhin dominiert.

Es findet eine Verlagerung hin zu einem erweiterten Verständnis von Zugänglichkeit statt mit dem Ergebnis, dass Sanitäranlagen (Einzeltoiletten und WC-Anlagen) und Umkleiden inklusiver und damit für einen breiteren Nutzerkreis geeignet gestaltet werden. Häufig werden sie als „universell“ oder „All-Gender“ bezeichnet, „universell“ ist dabei jedoch die vorherrschende Variante. Universelle Sanitäranlagen und Umkleiden sind in einer Reihe von öffentlichen und privaten Gebäuden (Freizeitzentren, Schulen, Unternehmen) entweder ausschließlich oder zusätzlich zu getrenntgeschlechtlichen Angeboten vorhanden.

Eine der Herausforderungen ist es, auf sich verändernde gesellschaftliche Werte in einer Weise einzugehen, die das tief verwurzelte Erwartungsspektrum der Bevölkerung anerkennt. Die planerische Antwort muss das Umfeld und die fortlaufende Weiterentwicklung der Werte innerhalb unserer Gesellschaften flexibel berücksichtigen.

Vorteile

Mit einem universellen Ansatz in der Planung von Sanitär- und Umkleideräumen sind viele Vorteile verbunden, u. a.:

Inklusion für Menschen mit einer Behinderung
Universelle Räumlichkeiten sind für Menschen mit Mobilitätshilfen wie Rollstühle und mit Betreuern anderen Geschlechts geeignet. Außerdem sind sie für vielfältige Arten von Behinderung ausgelegt.

Inklusion für Familien
Eltern oder Betreuer können dieselbe Umkleide beziehungsweise Sanitäranlage nutzen wie andere Familienmitglieder (das heißt ein Großvater kann mit seiner Enkelin in dieselbe Umkleide gehen oder eine Frau ihren betagten Vater begleiten).

Inklusion für Transgender und nichtbinäre Menschen
Universelle Sanitärräume und Umkleiden bieten ein sichereres und angenehmeres Umfeld für Transgender und nichtbinäre Menschen, können das Gefühl von Unsicherheit mindern helfen und zur Vermeidung von Belästigung oder Missbrauch beitragen.

Eine 2015 durchgeführte Studie mit Beteiligung von 27.000 Transgendern in den USA ergab, dass im Jahr zu­vor 26 % aller Befragten der Zugang zu Sanitäranlagen verweigert oder infragegestellt wurde und/oder sie belästigt beziehungsweise beleidigt wurden. 59 % der Befragten vermieden die Nutzung von öffentlichen Sanitäranlagen, 32 % vermieden es, Getränke oder Essen zu sich zu nehmen, um die Toilette nicht aufsuchen zu müssen. (1)

Mehr Privatsphäre und Sicherheit
Universelle Sanitäranlagen und Umkleiden haben zum Ziel, Privatsphäre und Sicherheit für alle Nutzergruppen zu gewährleisten. Mehr Privatsphäre in Toiletten-, Umkleide- und Duschkabinen unterstützt das Wohlbefinden und die Diskretion rund um den persönlichen Gesundheitsbedarf (zum Beispiel für Diabetiker, die Insulin spritzen und medizinischen Abfall entsorgen müssen). Offenheit und visuelle Verbindungen in zentralen Bereichen fördern die Sicherheit.

Mehr Effizienz
Universelle Einrichtungen können oft eine höhere Gesamtnutzerzahl bewältigen als getrenntgeschlechtliche Sanitär- und Umkleideräume. Wartezeiten und lange Schlangen – altbekanntes Leid für alle, die bei Veranstaltungen oder zu Zeiten mit hoher Nutzungsfrequenz an der Damentoilette Schlange stehen – verkürzen sich. Auch Reinigungsarbeiten durch Personal beliebigen Geschlechts sind bei der universellen Variante kein Problem.

Zukunftsgerichtete Planung
Die Nachfrage nach universellen Sanitäranlagen und Umkleiden steigt, und sie bieten ein höheres Maß an Flexibilität. Entwürfe, die geschlechtsneutralen Bereichen Priorität einräumen, sind flexibler ausgelegt und lassen sich leichter an die weitere Entwicklung der Anforderungen in der Zukunft anpassen.

Herausforderungen

Zwar tragen universelle Sanitäranlagen und Umkleiden dazu bei, inklusivere und barrierefreiere Einrichtungen bereitzustellen, doch gibt es allgemeine Herausforderungen und Bedenken dahingehend, was und für wen sie da sind:

Verwirrung rund um Wortwahl und Zugang
Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die Bezeichnungen „universelle Sanitäranlage“ und „universelle Umkleide“ bedeuten, dass diese Anlagen für alle da sind – nicht etwa nur für Familien oder Menschen mit einer Behinderung. In der Vergangenheit wurden universelle Umkleiden als Familienumkleide bezeichnet mit der Erwartung, dass Familien diese im Vergleich zu Einzelpersonen bevorzugt nutzen, vor allem bei hohem Besucheraufkommen. Bei universellen Räumlichkeiten gibt es hingegen keinerlei Vorrang für bestimmte Nutzergruppen.

Verwirrung rund um die Nutzung
Einige Menschen sind sich unsicher oder einfach nicht bewusst, welches Verhalten in universellen Räumlichkeiten erwartet wird. Oft ist unklar, ob man sich im offenen Schließfachbereich universeller Umkleiden umziehen darf. Die folgenden Planungsstrategien beschreiben universelle Umkleiden als Bereiche, in denen man beim Umziehen beziehungsweise Duschen nur in entsprechenden Kabinen unbekleidet sein darf (für maximale Privatsphäre). Über die Beschilderung und Nutzeranweisungen wird klargestellt, dass in allen an diese Kabinen angrenzenden Bereichen Kleidung oder Badebekleidung zu tragen ist.

Verwirrung rund um die Planung
Da universelle Sanitäranlagen und Umkleiden nicht standardisiert sind, gehen viele davon aus, dass sie genauso aussehen wie die klassischen getrenntgeschlechtlichen Varianten. Die nachfolgenden Planungsstrategien zeigen die wesentlichen Unterschiede in Bezug auf Privatsphäre und Komfort auf.

Ein unangenehmes Gefühl
Manch einer äußert die Ansicht, dass es unangenehm oder seltsam sei, Sanitäranlagen und Umkleiden mit Menschen des anderen Geschlechts, Transgendern oder nichtbinären Menschen zu teilen – es weicht von dem ab, was sie gewohnt sind oder durchbricht kulturelle Normen. Einige vertreten auch die Meinung, dass geschlechtsspezifische Bereiche für die Sicherheit von Frauen und Kindern notwendig seien.

Die besten Planungsprozesse sind diejenigen, bei der verschiedene Nutzer- und Beratergruppen einbezogen wer­den, um Vorbehalte zu zerstreuen. Planungsstrategien wiederum können helfen, das Wohlbefinden für möglichst viele Nutzer zu erhöhen. Dazu trägt auch die Planung von Kabinen mit einem höheren Standard an Privatsphäre bei, als es in den meisten getrenntgeschlechtlichen Sanitäranlagen und Umkleiden der Fall ist. Offenheit in angrenzenden Bereichen fördert Sicherheit und Transparenz.

Fortlaufende Entwicklung

Die Entwicklung von Lösungen für universelle Sanitäranlagen und Umkleiden ist nur ein – wenn auch bedeutender – Aspekt einer breiteren Strategie, bei der sicherere und besser zugängliche Einrichtungen für alle im Vordergrund stehen. Diese Strategien sollen zu den aktuellen und fortlaufenden Diskussionen rund um die architektonische Planung mit Blick auf Inklusion und Gerechtigkeit beitragen.

Unsere Entwürfe sind ein Spiegel unserer Werte. Planungsstrategien, die Barrieren abbauen, Zugang und Teilhabe ermöglichen, sind ein Statement: Alle sind willkommen, nicht nur in einer Freizeiteinrichtung, sondern auch innerhalb der Gemeinschaft.

Das vollständige Dokument „Designing for Inclusivity“ steht zum Download bereit unter www.hcma.ca/resources.

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Danksagungen
Wir bedanken uns bei TransFocus Consulting und der Stadt Surrey für die Unterstützung und die gewährten Einblicke im Rahmen der Erarbeitung dieser Inhalte.

Referenzen
1. James, S. E., Herman, J. L., Rankin, S., Keisling, M., Mottet, L., & Anafi, M.
The Report of the 2015 U.S. Transgender Survey (Bericht zur Transgender-Umfrage in den USA 2015). Washington, DC: National Center for Transgender Equality, 2016.