Rennbahn in Paris-Longchamp von Dominique Perrault

publiziert in sb 5/2018

Bewegte Haupttribüne

Als Hauptelement des Entwurfs von Dominique Perrault wurde nach Abriss bestehender Tribünen die neue Haupttribüne errichtet. Das Gebäude verfügt über eine Kapazität von 10.000 Plätzen, vier Ebenen, ein Restaurant mit Dachterrasse im obersten Stock, fünf Empfangsräume, fünf Bars, eine Brasserie, Medienräume und Hospitality-Bereiche.

Die ersten beiden Stockwerke sind der Öffentlichkeit zugänglich, die dritte Ebene ist Fachbesuchern sowie Eigentümern vorbehalten, der vierte und fünfte Stock (mit 17 Suiten und 12 Privatloungen) den VIP.

Als Motiv für den in einer dynamischen Bewegung verlaufenden Neubau diente ein galoppierendes Pferd, die Volumetrie sorgt für eine Fokussierung auf die Rennbahn. Die einzelnen Ebenen wurden leicht versetzt angeordnet, die oberste Ebene verfügt seitlich über eine Auskragung von zwanzig Metern. Die Ebenen neigen sich nach vorne in Richtung der Rennbahn und der Ziellinie. Der horizontale Verlauf der Tribüne und ihre bronzefarbene Optik tragen dazu bei, dass sich der Neubau harmonisch in die umgebende Landschaft einfügt.

Durchlässigkeit

Der neue Tribünenbau ist zu beiden Seiten hin offen und durch einen durchlässigen Grundriss charakterisiert. Die Verkehrswege ermöglichen eine freie Bewegung in den unterschiedlichen Bereichen. Das Gebäude bietet einen Rundumblick auf die Rennbahn. Hierzu trägt neben der Transparenz auch die Ausrichtung bei: hinunter in Richtung Rennbahn auf der einen Seite, hinunter zum Paradering auf der anderen. Offenheit und Raumgefühl entstehen durch das hohe Maß an Tageslichteinfall durch die großzügig bemessenen Fensterflächen.
Die Idee bestand darin, ein Gebäude zu entwerfen, das weder ein Vorne noch ein Hinten besitzt und in dem man sich frei und ungehindert von einer Seite zur anderen bewegen kann. Der Neubau bietet auch eine erhöhte Flexibilität und Modularität. So lassen sich beispielsweise die Suiten direkt mit der Hauptlounge verbinden.

Als Baustoffe kamen Beton und Metall zum Einsatz, die Tribünen sind mit Holz verkleidet. Die goldfarbenen Aluminiumfassaden reflektieren das Licht zu jeder Jahreszeit anders und tragen dazu bei, dass sich das Gebäude harmonisch in seine Umgebung einfügt. Die gläsernen Balustraden mit Siebdruckmotiven erinnern an die Blumen­kübel der ehemaligen Rennbahn.

Blick auf den Eiffelturm

Überall im Gebäude ist die Sicht unverstellt und der Blick schweift über die Rennbahn und die umliegende Landschaft. Das Restaurant „Panorama“ bietet mit seinen Terrassen einen atemberaubenden Ausblick auf die Rennbahn und die Landschaft in der Ferne: Eiffelturm, Mont Valérien und Paris-La Défense. Auch die Stallungen und der Paradering sind von den Terrassen aus einsehbar, sodass eine direkte Verbindung zwischen Außenwelt und Reiterwelt entsteht.

Würdigung des kulturellen Erbes

Mit dem neuen Tribünenbau, der niedriger und kürzer ausfällt als der vorherige, steht bei der Rennbahn nun der landschaftliche Aspekt im Vordergrund. Die Landschaftsgestaltung von Adolphe Alphand aus dem 19. Jahrhundert wird feinfühlig ergänzt durch ein Landschaftsbauprojekt mit einer Szenografie der Wegführung von Besuchern und Pferden. Die Pferde passieren auf dem Weg zur Rennbahn die Tribünen und sind von der Gebäudeterrasse aus zu sehen.

Auf der Hauptrasenfläche sind Ankerpunkte für temporäre Anlagen vorgesehen, die Promenade erinnert an die „Planches“ von Deauville des Architekten Charles Adda. Die Fußgängerpromenade mit einer Länge von 5.500 Metern verläuft 4,5 Meter über dem Boden und leitet die Zuschauerströme zwischen dem Zugang „Entrée d‘honneur“, dem Zugang zum Rasen durch den Tunnel, dem Restaurant, den Galerien, den Paradering-Tribünen und den Longchamp-Gartentribünen. Überdies bietet sie Raum für temporäre Veranstaltungen.

Die bebaute Umgebung und die Gärten verschmelzen zu einer kohärenten Einheit. Wertschätzung für das vorhandene Kulturerbe demonstriert das Projekt über Baumpflanzungen nahe dem ursprünglichen Longchamp. Damit wird eine visuelle Durchlässigkeit am Westrand geschaffen, um die Grenzen zwischen Rennbahn und Bois de Boulogne verschwimmen zu lassen. Gepflanzt wurden dort 105 neue Bäume (insgesamt 600 am Standort der Rennbahn). Die großzügigen Rasenflächen lassen den Ort grüner und schattiger erscheinen.