Sport- und Kulturzentrum SESC 24 de maio in São Paulo von Paulo Mendes da Rocha in Zusammenarbeit mit MMBB

publiziert in sb 4/2018

Aktives Leben im Großstadtdschungel

Kultur, Bildung, Gesundheit, Freizeit und Sozialarbeit – das sind die fünf Säulen der karitativen Organisation SESC, die das Sport- und Kulturzentrum SESC 24 de maio betreibt. In dem Gebäude mit 13 Stockwerken befinden sich ein Theater mit 216 Plätzen, Cafeteria, Bibliothek, Kinderspielbereich, Ausstellungs- und Büroräume, multifunktionale Räume für Gymnastik, Yoga und Bewegung sowie auf dem Dach ein beheizbares 25-m-Freizeitschwimmbecken mit Sonnendeck. Paulo Mendes da Rocha in Zusammenarbeit mit MMBB zeichneten verantwortlich für den Umbau des ehemaligen Geschäftsgebäudes im Herzen von São Paulo.

Das im ehemaligen Hauptgebäude eines großen Kaufhauses im Stadtzentrum von São Paulo untergebrachte Sport- und Kulturzen­trum SESC 24 de maio umfasst eine breite Palette an Freizeit- und Serviceeinrichtungen. Die Herausforderung bei diesem Projekt ergab sich aus dem Standort des umgenutzten Gebäudekomplexes im historischen Stadtzentrum. In diesem Kontext sollten mit dem Entwurf sowohl ein wirksamer Beitrag zum Erhalt dieses städtebaulich bedeutsamen Areals geleistet als auch die Gebäudestruktur an die vollständig neue Nutzungsart angepasst werden.

Umnutzungsstrategie

Um die genannten Ziele – als zentrale, die räumliche Gestaltung bestimmende Herausforderung – zu erreichen, wurden verschiedene Entscheidungen zu Bautechnologie und Infrastruktur getroffen.

Einige Gebäudeteile wurden abgerissen, die grundlegende Gebäudestruktur und die zentrale Eingangshalle wurden erhalten, wobei letztere den vertikalen Luftraum bestimmt, an dem sich der neue Entwurf orientiert. Eine neue, autonome Gebäudehülle wurde auf der Basis von vier Hauptpfeilern errichtet, die den zentralen Luftraum definieren und als Träger für verschiedene, verschachtelt angeordnete Hallen sowie das Sonnendeck und das Schwimmbad auf dem Dach dienen.

Die ehemalige Tiefgarage wurde unter sorgfältiger Berücksichtigung der Grenzen und Fundamente der Nachbargebäude leicht abgesenkt und in ein Theater umgewandelt. Für alle Gebäudeebenen wurde entsprechend den lokalen Brandschutzvorschriften eine mechanische Entrauchungsanlage entwickelt. Das komplexe Design dieser Anlage erlaubte eine Vielzahl besonderer räumlicher Anordnungen – darunter Doppelböden und vollständig offene Verkehrsflächen – die normalerweise bei einem Gebäude mit vergleichbarer Nutzung und Kon­struktionsvorgaben nicht zulässig gewesen wären.

Galerie-Charakter

Im Erdgeschoss verkörpert der großzügige offene Platz die Idee einer öffentlichen Plaza als frei zugängliche Verkehrsfläche mit Galerie-Charakter und direkter Anbindung an die umgebende Bebauung. Die frühere Tiefgarage wurde in ein Theater und ein Café mit unmittelbarem Zugang zu den lebhaften Straßen der Nachbarschaft umgewandelt. Die vertikalen Verkehrsflächen bestehen aus großzügigen angeordneten Rampen, die eine klare, kontinuierliche Zugangsstruktur bilden, als architektonisch gestaltete Promenade fungieren und den umgebenden städtischen Raum spielerisch mit den diversen Angeboten des SESC-Gebäudes verknüpfen.

Eine Vielzahl offener Flächen auf strategisch ausgewählten Ebenen wurde als überdachte Plätze in der Höhe gestaltet und öffnen das Gebäude zur Umgebungsbebauung. Diese Flächen – wie der als Treffpunkt und Aufenthaltsbereich konzipierte Platz und das Schwimmdeck – wurden nicht mit Fassadenelementen geschlossen, sondern fungieren als hängende Gärten oberhalb des offenen Rampensystems.

Verschachtelte Struktur

Um monotone gleichförmige Räume auf allen Etagen zu vermeiden, wurden die Flächen versetzt zueinander angeordnet. So erhalten die Geschosse den Charakter einer großen Halle. Oberhalb angeordnete Galerien bieten Raum für spezielle Veranstaltungen oder Programme, kleine geschützte Bereiche laden zum Sitzen und Entspannen ein. Die Verbindung der einzelnen Etagen erfolgt über großzügige Rampen.

Das Gebäude zeichnet sich durch vollumfängliche Barrierefreiheit aus. Räume für den sozialen Dienst der karitativen Organisation SESC sind in dem Gebäude ebenso untergebracht wie eine Bibliothek und eine Zahnarztpraxis mit 14 Behandlungsräumen und Röntgenabteilung.

Im achten Stock befinden sich zwei Kletterwände: eine vertikale (6 m hoch) und eine horizontale, auch ‚Boulder‘ genannt, mit einer skalierbaren Oberfläche von 65 m². Ab einem Mindestalter von sieben Jahren können die Kletterwände unter Anleitung genutzt werden. Im gleichen Geschoss finden Tennis, Leichtathletik, Kunstturnen, Ringen und Bogenschießen Platz.

Auch die Decke zwischen der zehnten und elften Etage ist teilweise durchbrochen, so dass sich großzügige Bewegungsräume für viele Sportarten bieten, die eine größere Deckenhöhe erfordern. Zusätzlich zum Restaurant im vierten Stock lockt im 13. Stockwerk ein Garten, in dem musikalische Darbietungen, Yoga und Tai-Chi-Kurse stattfinden und ein Café zum Verweilen einlädt.

Schwimmbad auf dem Dach

Auf dem Dach lädt ein großzügiges Badedeck zum Sonnenbaden ein. Das 25-m-Schwimmbecken ist der ideale Ort für Aquafitness- und Schwimmkurse und bietet Erholung für alle Altersgruppen. Das Wasser ist beheizt und bis 1,40 m tief. Die Umkleideräume befinden sich im darunter liegenden Stockwerk. Die technische und mechanische Infrastruktur wurde in einem unabhängigen Techniktrakt untergebracht, der auf einem seit Jahren ungenutzten Nebengebäude angeordnet wurde.

Ziele des Betreibers

Die Abkürzung SESC steht für Serviço Social do Comércio und bezeichnet die brasilianische Organisation für Arbeitnehmer im Tourismus- und Dienstleistungssektor. SESC betreibt 38 Zentren mit vielfältigen Funktionen und Programmen, darunter Kultur, Bildung, Sport, Freizeit und Gesundheit. Die Institution unterstützt auch nationale und internationale Partnerschaften über diverse Projekte aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Zirkus, Literatur und bildende Kunst.

Die Aktivitäten von SESC orientieren sich an der Bildungsethik der Organisation. Ziel ist die Förderung des Gemeinwohls, wobei Kultur mit all ihren Facetten genutzt und verstanden wird. In diesem Sinne fördert die vollständige Barrierefreiheit der von SESC angebotenen Flächen und Programme die Demokratisierung kultureller Werte als eine Form individueller Autonomie und bürgerlicher Teilhabe.

Das Sport- und Kulturzentrum SESC 24 de maio wurde im August 2017 eröffnet und begrüßte in den ersten sechs Monaten seines Betriebs bereits über 1.257.500 Besucher.