Wanda Metropolitano Stadion in Madrid von Cruz y Ortiz

publiziert in sb 2/2018

Riesige Decke

Das neue Wanda Metropolitano Stadion von Atlético Madrid wurde von Cruz y Ortiz Arquitectos in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Schlaich Bergermann Partner ent­wickelt und ist das Ergebnis einer Erweiterung des alten Stadions aus dem Jahr 1994. Abgesehen von der Erweiterung der Tribüne ist die auffälligste Veränderung am Gebäude schon aus weiter Ferne sichtbar: die von einem Speichenrad inspirierte, dynamisch anmutende Dachkonstruktion über der Tribüne. Sie dient dank ihrer Auskragung nicht nur der Haupt­tribüne, sondern mit ihrem breiten Dachüberstand auch im Außenbereich als Wetterschutz.

Das alte Stadion war für die Austragung von Sportwettkämpfen und Fußballspielen konzipiert und verfügte über rund 19.000 Zuschauerplätze. CyO wurden beauftragt, das Stadion zu erweitern und mit Sitzplätzen für 68.000 Zuschauer auszustatten, um es zu einem „5-Sterne-Stadion“ nach UEFA-Vorgaben zu entwickeln und somit als Austragungsort für Endspiele der Europameisterschaft zu klassifizieren.

Die Grundfläche des neuen Stadions beträgt 54.537 m², das gesamte Stadiongelände misst 88.150 m². Mit der Erweiterung schlugen CyO zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits wurde das bekannte und markante Erscheinungsbild des Stadions gewahrt, andererseits fügt sich die Erweiterung harmonisch in die alte Anlage ein.

Nah an der Seitenlinie

Bei der Planung des neuen Stadions wurde besonderer Wert darauf gelegt, den Zuschauern eine optimale Sicht auf das Spielgeschehen zu gewährleisten und zugleich die Nutzungsempfehlungen von UEFA und FIFA strikt einzuhalten. Der Seitenlinie am nächsten ist die Nord-Ost-Kurve, wo die Entfernung zwischen Tribüne und Spielfeld gerade einmal 5,89 m beträgt. Die Erweiterung erfüllt auch diverse technische Anforderungen, beispielsweise bezogen auf die Sicherheit im Evakuierungsfall sowie den Event-Charakter von Fußballspielen. Die tragende Gebäudehülle besteht aus Beton, prägt damit die finale Form und trägt zum Hauptmerkmal des Entwurfs bei: Einheitlichkeit und Homogenität.

Untergeschosse

Das neue Fußballfeld wurde mittels Absenkung des ursprünglichen Spielfelds angelegt, sodass die Zuschauer ohne Beeinträchtigung der Sichtlinien näher an das Spielgeschehen heranrücken. Auf der alten Tribüne wurden aufgrund ihrer symbolträchtigen Bedeutung die wichtigsten Funktionsbereiche des Stadions angeordnet, unter anderem die Bereiche für Spieler, Vereinsvorstand, VIPs und die Presse.

Im Erweiterungsbau befinden sich alle notwendigen Zuschauereinrichtungen wie Bars, Toiletten und Einzelhandelsflächen. Zusätzlich wurden zwei Untergeschosse eingerichtet: Im ersten UG finden sich die Einrichtungen für die Unterränge und Parkflächen, im zweiten UG ausschließlich Parkraum. Das Stadion bietet 4.000 Parkplätze für Fans (1.000 innen, 3.000 außen).

Tribünenerweiterung

Das ursprüngliche Stadion, das nur über eine Westtribüne verfügte, besitzt nun umlaufende Sitztribünen entsprechend den Anforderungen an moderne Fußballstadien: Unterrang, Mittelrang und Oberrang. Zwischen dem Mittel- und Oberrang befinden sich die Logen. CyO entschieden sich für eine Lösung, bei der der Zugang zu den Tribünen nicht über Korridore erfolgt, sondern über den höheren Teil der letzten Reihe. Wenn die Besucher also von den Umgangsbereichen zu ihren Plätzen strömen, eröffnet sich ihnen der freie Blick auf das Spielfeld. Die Zuschauernähe zum Spielfeld, die Rundumtribüne und die vollständige Sicht auf den Innenraum sorgen für eine dichte und energiegeladene Spielatmosphäre.

Dach als Markenzeichen

Das Dach ist eines der Markenzeichen des neuen Stadions und wurde in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren von Schlaich Bergermann Partner ausgeführt. Für CyO ist die Dachkonstruktion das formal bedeutsame Element, das die Arena vervollständigt. Sie führt den alten und neuen Gebäudeteil harmonisch „unter einem Dach“ zusammen. Die Spannweite beträgt etwa 286 m in Nord-/Süd-Richtung und 248 m in Ost-/Westrichtung bei einer Dachfläche von insgesamt rund 46.500 m².

Die Dachkonstruktion besteht aus einem äußeren Doppel-Kompressionsring aus Stahl, einem inneren Doppel-Traktionsring sowie zwei radialen Drahtseilgruppen. Das auf diese Weise geformte Netz ist von gestrafften Membranen überzogen, die jeweils ein Lamellenelement überspannen, geformt durch ein höher und ein niedriger verlaufendes Seil. Der Abstand zwischen Kompressions- und Traktionsring beträgt rund 57 m. Beide Ringe wurden in doppelter Ausführung konstruiert, um die erforderliche Dachhöhe halbieren zu können.

Vom Kompressionsring aus wurden mittels gestraffter Membranen einige Auskragungen geschaffen, die bis zum äußeren Umlauf der alten Tribüne reichen. Die wellenförmige Ausführung und variierende Höhe des Daches sorgen für Dynamik entsprechend den Anforderungen des Gebäudes. Die Außenrinne des Daches ist rot (Vereinsfarbe von Atlético Madrid), das Wechselspiel aus Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der roten Farbe entlang des Dachverlaufs ist prägend für das Image des Stadions.

Ergebnis ist eine leichte Dachkonstruktion, die 96% der Zuschauer Schutz bietet und die Tribünen wie eine überdimensionierte Decke überspannt, sich an unterschiedliche Situationen anpasst und für eine einheitliche Optik sorgt. Der Dachentwurf ist in die Typologie „zugbeanspruchter Konstruktionen“ einzuordnen.

Die Dachmembranen sind aus Glasfaser und PFTE gefertigt, einem lichtdurchlässigen Material, das bereits in anderen großen Stadien wie Maracanã oder dem Olympiastadion Berlin zum Einsatz kam. Die Dachkon­struktion reflektiert zudem den Schall von den Tribünen und lenkt ihn nach unten, sodass die Schallwellen das Stadion nicht verlassen, sondern die Geräuschkulisse der Fans noch verstärken.

Mit Blick auf eine bessere Besonnung des Naturrasens wurde auf ein komplett geschlossenes Dach verzichtet. Die Flutlichter wurden in den inneren Dachring integriert zwecks optimaler Ausleuchtung des Stadions. Der Abstand zwischen Dach und Spielfeld beträgt mindestens 45 m und maximal 57 m.

Kameras und Internet

Im Stadion wurden eine Reihe von Kamerasystemen in­stalliert, um für Fernsehsender und Zuschauer eine hohe Übertragungsqualität sicherzustellen und ein neues Verständnis der Übertragung von Fußballpartien zu prägen. Das Stadion verfügt über 96 vorinstallierte Kamerapositionen für Sportübertragungen, um die jeweiligen aufnahmetechnischen Anforderungen der verschiedenen Sender zu erfüllen. Die 96 Positionen sind über das gesamte Stadion verteilt.

Darüber hinaus sind weitere wichtige Systeme vorhanden, die nicht in Zusammenhang mit Fernsehübertragungen stehen, zum Beispiel das Ghost-Goal-System, das in europäischen Wettkämpfen Vorschrift ist, sowie die taktischen und Mediencoach-Kamerasysteme zur Aufbereitung technischer Daten aus den Spielen. Die Zuschauer haben an ihren Plätzen und überall im Gebäude eine Internetverbindung. Hierzu wurden 1.200 WLAN-Antennen in den Tribünen installiert. Die Zuschauer können so in Echtzeit Spielinformationen abrufen und in den sozialen Medien selbst Informationen posten.

Beleuchtung für das Heimteam

Alle Beleuchtungselemente (funktional, dekorativ, Notbeleuchtung) sind als LED ausgeführt. Die Architekturbeleuchtung wurde mit LED-RGB-Leuchten umgesetzt, um die architektonischen Elemente in unterschiedlichen Farben zu beleuchten. Gesteuert werden diese Leuchten über ein programmierbares System, mit dem die Beleuchtung situationsabhängig variiert werden kann, zum Beispiel wenn Atlético ein Tor schießt.

Die VIP-Bereiche sind ebenfalls mit einer Lichtsteuerungsanlage ausgestattet, sodass sich die Räume unabhängig voneinander in Szene setzen lassen.

Video-Anzeigetafeln und LED-Vorhang-Screen

Alle vier Bildschirme arbeiten komplett mit LED-Technologie. Es handelt sich um drei Video-Anzeigetafeln (Nord, Ost und Süd) sowie ein rundum laufendes Videoband unterhalb der Mitteltribüne, eine echte Neuheit in Spanien, handelt es sich doch um den ersten 360°-Screen in einem Stadion.